Die Wunden der Seele heilen
72 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges toben die Schrecken oft lautlos in den Seelen der damaligen Kriegskinder weiter und belasten auch die Enkel. Der Psychiater Kornelius Roth ermuntert im Gespräch mit Daniel Knep dazu, darüber zu reden.
Herr Roth, wie haben sich die Weltkriege psychisch auf die Väter und die Kinder-Generation ausgewirkt?
Kornelius Roth: Erst langsam werden die Auswirkungen bewusst und spürbar. Sie unterscheiden sich je nachdem, was in der Kriegszeit erlebt wurde. Nachkommen von Kriegsteilnehmern und deren Familien haben andere Folgen zu tragen wie Familien mit einem Flüchtlingsschicksal. Krieg bedeutet immer auch Traumatisierung – nicht nur für kämpfende Soldaten. Die Traumata beeinflussen bis heute das Leben der Nachfahren, also alle. Die Toten werden immer noch vermisst. Viele der Kriegskinder haben beispielsweise ihren Vater im Krieg verloren oder er kam verwundet oder traumatisiert zurück und fand seinen Platz in der Familie nicht mehr. Manche Väter verloren sich im Alkohol, Mütter mussten stark und dominant sein. Der folgenden Generation fehlt das gute Vorbild.
Was bedeutet das für die Kinder der dritten Generation?
Kornelius Roth: In verschiedener Weise hat es Einfluss auf die Familien gehabt. Die Betroffenen müssen sich beispielsweise die tragende Identität als Vater oder Mutter mehr erarbeiten als jemand, dem das durch ein gutes Rollenvorbild geschenkt wurde.
Wie kann aus diesem Teufelskreislauf ausgebrochen werden?
Kornelius Roth: Das Wesentliche ist der Dialog, auch zwischen den Generationen. Wahrheit und Trauer trägt und verbindet. Schwierig wird es, wenn in den Familien problematische Themen ausgespart und im Verborgenen bleiben. Wir wissen heute, dass die Folgen unverarbeiteter Traumata auch auf die nächste Generation weitergegeben werden können.
Der Krieg schreibt sich tief in den Körper ein: Depressionen, Panikstörungen, Misstrauen, Schlafprobleme sind oft Folgen. Wie können die Betroffenen damit fertig werden?
Kornelius Roth: Oft können die Menschen ihre Symptome nicht verstehen und zuordnen. Das verunsichert zusätzlich. Manchmal übernehmen Kinder auch die Probleme und Ängste von den Eltern. Dann wird es noch schwieriger. Das offene und authentische Gespräch nimmt viel Druck von den Betroffenen und ist ein erster wichtiger Schritt. Tiefergehende Probleme können heute mit entsprechender Psychotherapie gut behandelt werden. Viele Seelsorger weisen inzwischen eine gute psychotherapeutische Kompetenz auf, manche verfügen auch über eine zusätzliche traumapsychotherapeutische Ausbildung. Wichtig ist es für Betroffene zunächst, die Dinge anzusprechen, auch die unbequemen. Psychische Gesundheit ist nur möglich durch Wahrheit um jeden Preis.
Was kann die Kirche tun?
Kornelius Roth: Was für die Familie gilt, gilt auch für die Kirche. Wenn nicht mehr verdrängt wird und die Kirche beispielsweise rückhaltlos und ehrlich über die eigene, schwierige Rolle in dieser Zeit reden kann, wird sie zum Vorbild. Viele der Betroffenen und ihre Nachfahren verknüpfen ja auch Glaubensfragen mit dem Thema. Manche haben ihren Gott verloren im Krieg. Dann wird Seelsorge glaubwürdig.
Viele der damaligen Kriegskinder haben am Ende ihres Lebens das große Bedürfnis zu reden. Warum so spät?
Kornelius Roth: Auf der materiellen und politischen Ebene sind die Kriegsfolgen in den Hintergrund getreten. Die Öffnung in der Gesellschaft hat angefangen mit dem Kniefall von Willy Brandt im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Das hat das Eis gebrochen. Aber es dauerte noch eine Weile, bis der innere Zugang zu den seelischen Verwundungen gefunden werden konnte. Der ist heute da, auch weil viele Menschen ein Alter erreicht haben, in denen Kindheitserinnerungen stärker lebendig werden.
Was bringen die neuen Soldaten-Schicksale aus Afghanistan und anderen Kriegsgebieten mit sich?
Kornelius Roth: Im Gegensatz zu früher wissen wir heute viel mehr über posttraumatische Belastungsreaktionen. Es gibt heutzutage gute, angemessene Behandlungsmöglichkeiten für Kriegstraumata. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es keinerlei Angebote in dieser Art – es wurde geschwiegen.
Information
Vom 7. - 9. Oktober befasst sich in Bad Herrenalb eine Tagung mit dem Thema "Deutschland und seine Weltkriege: Schicksale in drei Generationen und ihre Bewältigung." Der Vorsitzende des veranstaltenden Förderkreises für Ganzheitsmedizin, ist der Psychiater und Psychotherapeut Kornlius Roth. Als Referenten sprechen unter anderem Eugen Drewermann und Hartmut Radebold, der als Pionier der Aufarbeitung von Kriegsfolgen für die erste Kriegskindergeneration gilt. Auch Betroffene kommen zu Wort, so etwa die Traumaforscherin Ortrud Grün, deren Vater Stellvertreter von Josef Goebbels als Gauleiter von Berlin war. (...) Allgemeine Informationen finden sich im Internet: www.kriegskind.de; www.kriegs-kinder-fuer-den-frieden.de.
Erschienen im Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg 41/2011, Ausgabe: Mittlerer Neckar und Stauferland
Pfingsten 2011 ...
Besondere Bedeutung der Spiritualität
Bad Herrenalb. Rund 1000 Besucher sind zum Pfingsttreffen gekommen, das der Förderkreis für Ganzheitsmedizin in Bad Herrenalb veranstaltet hat.
Förderkreis für Ganzheitsmedizin veranstaltet in Bad Herrenalb sein Pfingsttreffen / Viele Vorträge und Seminare
Neue Kraft geschöpft
Gut besuchtes 22. Pfingsttreffen in Bad Herrenalb
Bad Herrenalb. Es gab eine Zeit, da war Ulrike menschenscheu, konnnte kaum auf andere zugehen. Depressionen raubten ihr nachts den Schlaf. Sie nahm Medikamente. Erst wenige, dann immer mehr, bis sie davon abhängig wurde. Die 68-jährige Rentnerin spricht erstaunlich offen über ihre schwierige Lebensphase. "Mittlerweile finde ich, es gibt nichts Interessanteres als Menschen", sagt Ulrike. Sie hat sich daher sehr auf das Pfingsttreffen des Förderkreises für Ganzheitsmedizin gefreut.
Auf die vielen Vorträge, Konzerte und die Treffen der Selbsthilfegruppen. In der Hand hält sie eine CD der Liedermacherin Iria Schärer, deren Auftritt im Kurhaus sie begeistert hat. Jeder durfte mitsingen. "Die strahlt so eine Kraft aus", schwärmt Ulrike. Und nach Kraft zum Leben hat sie lange Zeit gehungert.
Viele der Besucher des Pfingsttreffens fühlten sich seelisch schon einmal in die Enge getrieben. Einige fanden Zuflucht in der Psychosomatischen Klinik, die von 1971 bis 1988 von Walther Lechler in Bad Herrenalb geleitet wurde. Sein Ziel war es, Klinik, therapeutische Gemeinschaft und Selbsthilfegruppen zu einem Ganzen zu verbinden. Lechler war es auch, der den Förderkreis für Ganzheitsmedizin und die jährlichen Pfingsttreffen ins Leben rief.
"Manche kommen heute noch aus Dankbarkeit. Sie sagen: Die Erfahrung damals hat mir das Leben gerettet", erzählt Kornelius Roth, Vorsitzender des Förderkreises. "Andere wollen auffrischen, was sie in den Selbsthilfegruppen gelernt haben." Von den 1000 Besuchern kennen sich viele schon. Schließlich fand das Pfingsttreffen bereits zum 22. Mal statt.
Aus dem Kursaal dringen seltsamte Laute. Der amerikanische Bibelexeget Rocco A. Errico hat soeben das Vater-Unser angestimmt - auf aramäisch. Roccos Vortrag handelt dann von "Transzendenz". Mit weit ausholenden Gesten und einem gewinnenden Lächeln erzählt der Prediger seine Interpretation des Gleichnisses vom Verlorenen Sohn. Seine Botschaft ist am Ende einfach: Frieden, Liebe und Harmonie stehen über kulturellen Konventionen und Schranken.
Auch Ulrike sitzt im Publikum. Sie hat sich vorgenommen, so viel wie möglich vom Wochenende mitzunehmen. Am Abend will sie unbedingt noch die 18-jährige Deutsch-Türkin Melda Akbas hören, die aus ihrem Buch "So wie ich will. Ein Leben zwischen Moschee und Minirock" liest.
Es geht um die Erfahrungen der jungen Autorin im Konflikt der Religionen und Kurturen in Berlin. Überhaupt ist das Programm sehr weit gefächert: Es reicht von Qi Gong, einer chinesischen Bewegungsmeditation in der Frühe, über einen Vortrag des umstrittenen Theologen und Psychoanalytikers Eugen Drewermann und einem Theaterstück über "Sucht" bis zu Mitmach-Tänzen am Abend.
Ulrike hat beim Pfingsttreffen neue Kraft geschöpft. Als sie sich zum nächsten Vortrag verabschiedet, sagt sie noch: "Man wird durch solche Treffen nicht geheilt. Aber man ist auf dem Weg."
Andreas Fauth
erschienen in: Badische Neueste Nachrichten, Nr. 135, 14. Juni 2011